Westfälische Wilhelms Universität Münster24.06.03
Institut für Geographie
SS 2003
Hauptseminar: Deutschland
Dozent: Dr. Rolf Lindemann
Referent: Christan Schuy


Die Industrie Ostdeutschlands vor und nach 1989



1. Ausgangslage nach dem 2. Weltkrieg, der Wiederaufbau:
-Kapazitätsverluste durch Kriegs- und Demontageschäden
-Der Auf- und Ausbau der Industrie nach 1945 geschah nach dem von der Sowjetunion bestimmten und von der SED-Führung durchgeführten Programm, in dem politische Gesichtspunkte den Vorrang hatten
-Die Spaltung Deutschlands schnitt die Verarbeitungsindustrie Mitteldeutschlands von ihren traditionellen Bezugsquellen für Rohstoffe und Halbfabrikate und einem Großteil ihrer Absatzmärkte in Westdeutschland ab

2. 1. Bedeutung der Industrie in der Volkswirtschaft der DDR/Industrieproduktion:
-Bedeutendste Wirtschaftsbereich der DDR
-Zwischen 1960 und 1980 erhöhte sich die Produktion um das 3,14 fache (während die Beschäftigtenzahlen lediglich um 13% stiegen)
-Zudem war die DDR Mitglied in der RGW
-Ziel der RGW: Volkwirtschaften der Mitgliedsstaaten miteinander zu verflechten
-Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsorganismus
-2/3 des Handels langfristig an den RGW-Markt gebunden

2. 2. Industrierohstoffe/Bodenschätze
-Außer Braunkohle besaß die DDR nur größere Kalivorkommen
-Rohstoffverbrauch konnte nur zu 40% aus einheimischen Quellen gedeckt werden.
-Wichtigster Rohstofflieferant war die Sowjetunion
-Der Importanteil lag z.B. bei Erdöl fast 100%, Steinkohle 100%, Eisenerz 90%, Zink 90%, Primäraluminium 60%, Kupfer 50%, Schnittholz 50%, Walzstahl 45%

3. Konzentrationsgrad/Eigentumsform:
-Grundlegende Veränderungen ergaben sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland mit der Einführung der sozialistischen Planwirtschaft und der Verstaatlichung, sowie der Zusammenfassung der kleinen Produktionseinheiten zu volkseigenen Betrieben und großen sektoralen Kombinaten
-Am 16./17.12.1971 wurde auf der 4. Tagung des ZK der SED die Umwandlung der letzten noch bestehenden Privatbetriebe in Volkseigentum beschlossen
-Ziel: vollständige Umgestaltung der Wirtschaft zu einem System der Massenproduktion standardisierter Güter unter einheitlicher staatlicher Leitung
-1982 waren 98% der Beschäftigten der großen zentralgeleiteten Industrien in 133 Kombinaten tätig




4. 1. Verteilung der Industrie:
Unterscheidung in vier Kategorien:

a)Ballungsgebiete:
-Großstädte bildeten in der Regel die industriellen Ballungskerne(Zentren)
-Im Norden: Ballungsgebiet Hauptstadt Berlin
-Im Süden: Dreieck von dicht zueinander liegenden Ballungsgebieten
-1. Ballungsgebiet Dresden
-2. Ballungsgebiet Chemnitz – Zwickau
-3. Ballungsgebiet Halle-Leipzig
-An der industriellen Bruttoproduktion der DDR waren diese Bezirke mit deutlich mehr als 50% beteiligt
-Charakteristisch: hohe Industriedichte
-Profil: Elektrotechnik/Elektronik und Maschinen- und Fahrzeugbau in der Hauptstadt Berlin, zusätzlich Textil- und chem. Industrie in weiteren Ballungszentren

b) Verdichtungsgebiete:
-Bildeten nach den Balllungen die zweite Kategorie der Industriekonzentrationen
-ausschließlich in der Südhälfte der DDR vorhanden
-Verdichtungsgebiet von Görlitz, Zittau und Bautzen
-Verdichtungsgebiet von Cottbus
-Verdichtungsgebiet von Magdeburg
-Verdichtungsgebiet von Gera
-Verdichtungsgebiet beiderseits des Thüringer Waldes
-Profil: Maschinen- und Fahrzeugbau, z.t. durch elekrotechnisch-elektronische Industrie ergänzt stehen im Vordergrund, teilweise auch relativ starke Textil- und Lebensmittelindustrie

c) Streuungsgebiete der Industrie:
-Waren als nächst niedrigere Konzentrationsform im gesamten Gebiet der ehem. DDR verteilt
-Beispiele für Streuungsgebiete (Norden):
-Streuungsgebiet von Rostock und Stralsund
-Streuungsgebiet von Eberswalde-Finow, Frankfurt O.-Eisenhüttenstadt und Potsdam-Brandenburg-Rathenow-Genthin
-Im Süden: in der Südhälfte ergänzen Streuungsgebiete die ausgedehnten Ballungs- und Verdichtungsgebiete so stark, dass der größte Teil der Südhälfte diesen drei Gebietskategorien zugerechnet werden kann. z.B.:
-von Bischofswerda-Sebnitz
-von Wittenberg-Gräfenhainichen
-von Hettstedt-Sangerhausen-Nordhausen
-Profil: ähnlich wie Verdichtungsraum von Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der elektrotechnisch-elektronischen Industrie geprägt. Im Vordergrund stehen auch die Metallurgie und die chem. Industrie, manchmal auch Textil- und Leichtindustrie

d) Industrieinseln:
-In den weiteren Teilen des Landes trat die Industrie zumeist inselartig in Erscheinung.
-Industrieinseln wurden vorrangig durch Städte repräsentiert
-Oft Weiterverarbeitung land- und forstwirtschaftlicher Erzeugnisse aus dem Umland



4. 2. Standortverteilung:
-Hauptstandorte der Industrie im Süden der DDR (Süd-Nord Gefälle) und im Berliner Raum
-Ausschlaggebend hierfür ist das Vorkommen von Bodenschätzen im Süden und die traditionell im Norden vorherrschende Landwirtschaft
-Standortverteilung weist dabei eine relativ hohe Stabilität auf
-Rationalisierung und Rekonstruktion vorhandener Betriebe

5. Ausgewählte Industriebereiche:
1.Energie- und Brennstoffindustrie: Lieferte die energetischen Grundlagen für die gesamte Volkswirtschaft, 80% der Elektroenergieerzeugung basierte auf Braunkohle
Braunkohlenförderung: größte Vorräte befinden sich in den ostelbischen Revieren (Bezirke Cottbus, Dresden und Frankfurt) 60% und zu 40% in den Bezirken Halle, Leipzig und Magdeburg
Braunkohlenbergbau wirkte mit seinem Umfang und seiner Dynamik in hohem Maße gebiets- und landschaftsgestaltend
2.Elektroenergieerzeugung: Erforderte ca. 50% der Braunkohleförderung und geringere Mengen anderer Energieträger ( Steinkohle, Erdöl, Gas, Wasserkraft, Kernenergie) Kraftwerke auf der Braunkohlengrundlage bilden mit mehr als 80% an der Elektroenergieerzeugung die Basis der Energieversorgung der DDR
3.Gaserzeugung und –einsatz: Stadtgasproduktion der Kohlenveredlung sowie Eigenförderung und Import von Erdgas. Import von Erdgas erfolgte in großem Umfang auf der Basis langfristiger Handelsverträge mit der Sowjetunion.
4.Chemische Industrie: Chemische Industrie wurde in dem von der Regierung 1958 verabschiedeten Chemieprogramm besonders gefördert, „Chemisierung der Volkswirtschaft", die chemische Industrie erbrachte mit rund 10% der Industriebeschäftigten ca. 15% der industriellen Bruttoproduktion der DDR(1980)
à hohe Arbeitsproduktivität. Unter den zahlreichen Roh- und Hilfsstoffen der chem. Industrie sind besonders bedeutsam: Braunkohle, Erdöl, Erdgas, Kali- und Steinsalz, Kalk und Wasser
5.Maschinen- und Fahrzeugbau: Erzeugung von Haushaltsmaschinen, Metallwaren und Fahrzeugen. Besonders wichtig war der Maschinenbaugürtel in der Südhälfte der Republik, der mit den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Halle, Magdeburg allein 60% der gesamten Produktion der Republik erbrachte.
6.Textilindustrie: Erzeugnisse wurden hauptsächlich in der Konfektionsindustrie zur Bekleidung verarbeitet. Rohstoffe der Textilindustrie sind vor allem Baumwolle, Wolle und Chemiefasern


6. Die 80er Jahre:
-anhaltendes Außenhandelsdefizit musste durch Kreditaufnahme im Westen und in der Sowjetunion finanziert werden
-Kreditstopp 1982 zwang die DDR zu einer Konsolidierung ihrer Außenhandelsbilanz
-Rationalisierung und Modernisierung vorhandener Anlagen
-Investitionen außerhalb des Planes sollen durch Kontrollen unterbunden werden
-Außerplanmäßige Stillstandzeiten sollten abgebaut werden, Schichtauslastung sollte ausgeweitet werden



7. Nach der Wende:
-Im November 1989 befand sich nahezu die gesamte Wirtschaft im Staatseigentum. Am 1. März 1990 wurde die Schaffung einer Treuhandanstalt(THA) zur Wahrung des Volkseigentums durch den DDR-Ministerrat beschlossen und eine Verordnung zur Umwandlung von Kombinaten und volkseigenen Betrieben in Kapitalgesellschaften erlassen.
-schnelle Privatisierung, entschlossene Sanierung und behutsame Stillegung
-Mit Realisierung der Wirtschafts- und Währungsunion zum 1. Juli 1990 erfolgte schockartige Integration in den Weltmarkt.
-Umsatzrückgang der Betriebe zwischen 1990 und 1992 betrug 50-80%
-Kennzeichen heute: Geringe Verflechtung der Unternehmen untereinander
-Aber: Lage in der ostdeutschen Industrie nicht so hoffnungslos, wie sie so oft dargestellt wird, es hängt viel von der konjunkturellen Lage ab
-1996 bis 2000 hat industrielle Produktion wieder um 50% zugenommen

8. Zusammenfassung:
Produktionssystem traditioneller Industriecluster in Ostdeutschland war durch kleine und mittlere Betriebe derselben Branche mit hoher Spezialisierung und zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung gekennzeichnet. Veränderungen ergaben sich erst mit der Einführung des sozialistischen Systems und einer zentral gesteuerten Massenproduktion in Großbetrieben. Als Folge der Verstaatlichung ging die Fähigkeit zur flexiblen Anpassung und Selbstregulierung verloren. Beim Übergang vom sozialistischen zum marktwirtschaftlichen System wurden die Produktionsstrukturen erneut in kürzerer Zeit geändert. Nach 40-jähriger Zentralverwaltungswirtschaft war 1990 keine Rücktransformation in die früheren Strukturen mehr möglich. Neben der Umstellung auf die Marktwirtschaft galt es, den Entwicklungsrückstand gegenüber westlichen Unternehmen aufzuholen. Diese doppelte Transformation hat der ostdeutschen Industrie stark geschadet. Es sind kaum Indizien dafür auszumachen, dass in absehbarer Zeit eine Wiederbelebung der früher erfolgreichen regionalen Produktionsnetzwerke unter Einbettung in ein kreatives regionales Milieu möglich sein sollte.


Literatur:
Eckart, Karl: DDR, Stuttgart 1981
Kohl, H. et. al.: Geographie der DDR, Gotha/Leipzig 1980
Nuhn, Helmut, Neiberger, Cordula: Traditionelle Industriecluster Ostdeutschlands im Transformationsprozess – Brüche und Entwicklungsperspektiven, in: PGM 144 Heft 5 (2000), S. 42-54
Pohl, D., Urbanietz, B.-R.: Energiewirtschaft der DDR, in: Praxis Geographie Heft 9 (1985), S. 10-16
Zimmermann, Hartmut, Ulrich, Horst, Fehlauer, Michael: DDR Handbuch. Band 1 A-L, Köln 1984

Internetquellen:

http://www.uni-kiel.de/ifw/projects/fortschritt_ost180602_kurz.pdf (abgerufen am 21.06.03)
http://www.rolf-schwanitz.de/thema05.htm (abgerufen am 21.06.03)